Münsters Mamas
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Münster Mamas – Martje (Städtische Türmerin)

Heute ist die Türmerin bei Münster Mamas – eine Interviewreihe mit Müttern aus Münster. Bevor aber jetzt morgen eine Skandalmeldung durch die Stadt geht – nein, Martje hat keine geheimen Kinder! Und trotzdem ist sie für mich ein Teil der Münsteraner Frauen, die ich in dieser Reihe vorstellen möchte und deswegen gibt es jetzt eine Ausnahme und Münsters Mamas wird kurz zu Münsters Frauen. Warum werdet ihr gleich sehen…

Liebe Martje, vielen Dank, dass du dir in deinem wohlverdienten Urlaub etwas Zeit für dieses Interview nimmst. Was machst du genau?

Ich bin seit 2014 die Städtische Türmerin von Münster, mein Arbeitsplatz ist der Kirchturm von St. Lamberti. Dort haben schon im 14. Jahrhundert meine Vorgänger nach Feuern und Feinden Ausschau gehalten und rechtzeitig vor Gefahr gewarnt.
Noch heute begeht man in Münster jährlich die Große Prozession. Diese Buß- und Bittprozession geht auf zwei Unglücke zurück: Die Pest 1382 und die Brandkatastrophe 1383. Seit dieser Zeit sind Türmer von Münster schriftlich bekannt, die haben damals die Brandglocke geläutet, als fast die ganze Stadt abgebrannt ist. Auch heute gehört die Brandglocke der Stadt und der Türmer/die Türmerin muss sie schlagen – aber nur noch alle 5 Jahre bei der Oberbürgermeisterwahl (nächster Termin: 2020).

Türmerin mit Glocke7_Claudia Große-PerdekampWas brauchst du für deine Arbeit?

Das wichtigste Utensil ist ein Kupferhorn von 1,20m Länge – damit tute ich jeden Abend außer Dienstag zwischen 21 und 24 Uhr in drei Himmelsrichtungen, jede halbe Stunde ein Signal, das sagt: Alles ruhig, alles friedlich – oder aber: Alarm! Es brennt! In diesem Fall wird vorher heutzutage die Feuerwehr angerufen… Für mehr Infos zum Signal: „Die hohe Kunst des Tutens“.

Ah, ein Blog! Super, dass diese geschichtsträchtige Position jetzt auch ins neue Zeitalter kommt!

Das Türmerwesen ist lebendig gehaltene Tradition, ich bin die erste Frau, die das in Münster macht. Ich bin auch die erste hier, die ein bisschen Social Media macht, so dass die Einzigartigkeit meines Berufes noch bekannter wird.

Ab und an habe ich auch kleine Nebenjobs, die immer mit meinen Hobbies zu tun haben (Zahlenschiebereien, Zeichnen, Übersetzen, Lesen und Musik…). Bevor ich nach Münster zog, zog ich in der Welt umher – als Musikerin mit verschiedenen Bands. Einmal Musikerin, immer Musikerin, deshalb singe und spiele ich auch in der Freizeit noch und auch in der Türmerstube. Benefiz-Events, Charity, Gutes-Tun, da bin ich ebenfalls immer gerne dabei, wenn es geht.

Vortrag Türmerin - BILDER 2_dasa.012Wie würdest du dem kleinen Münsteraner deine Arbeit erklären?

Ich bin jeden Abend außer dienstags auf dem schönen Lambertikirchturm, arbeite aber nicht für die Kirche sondern für die Stadt. Ich muss Ausschau halten (auch mit einem Fernglas), ob es irgendwo in der Stadt brennt. Weil ich ganz oben auf dem Turm stehe, kann ich ganz weit gucken – bis nach Ibbenbüren zum Beispiel, da sehe ich das Kraftwerk. Manchmal sehe ich Feuer (neulich hat jemand Gartenabfälle mitten im Wald verbrannt, das darf man nicht, weil der Wald abbrennen könnte – gefährlich!), und dann rufe ich die Feuerwehr an, die fährt sofort los und löscht. Bis sie fertig sind, gebe ich ein Alarmsignal mit dem großen Horn, damit die Leute unten wissen, dass ich eine Gefahr entdeckt habe.
Wenn alles wieder in Ordnung ist (meistens ist sowieso alles in Ordnung), schicke ich jede halbe Stunde ein schönes, ruhiges Tuuuuuuut vom Turm. Tuten ist auch das Fachwort dafür.

Also bist du wie eine Mutter, die über ihr schlafendes Kind wacht! Das finde ich wunderbar beruhigend. Wie schön, dass du da oben auch Internet hast und uns allen somit einen Einblick in deine Stube gewährst.

Früher hatten die Türmer noch kein Internet, aber ich finde es gut, dass ich jetzt damit auch Fotos und Geschichten in die Welt bringen kann, damit noch mehr Menschen erfahren, was hier in Münster so besonders ist und mir Spaß macht – in anderen Städten in Europa machen Türmer etwas anderes, sie spielen Lieder auf der Trompete oder führen Touristen hier- und dorthin. Nur in Münster darf zwar niemand mit auf den Turm – aber da ist es wirklich noch genau wie im Mittelalter, nur eine Wächterin und nur der Turmfalke schaut ab und zu vorbei!

Türmerin_Foto_by_RenaRonge2014Türmerin ist schon ein wirklich spannender Job! Lässt es sich davon gut leben?

Kann man davon leben… Tja, das werde ich oft gefragt, und ich antworte gerne: Klar, es ist immerhin eine halbe Stelle im Öffentlichen Dienst, und wenn man ganz bescheiden lebt, passt das. In Wirklichkeit helfen mir die wechselnden Nebenjobs aber schon, das Katzenfutter zu bezahlen; die Hauptsache für mich ist aber, dass ich Münster einfach so sehr liebe, dass ich sehr gerne hier lebe und arbeite, so lange wie möglich. Berufung!

Ich hoffe, du musst morgens nicht müde noch quer durch die Stadt radeln bis du zuhause bist? Und was macht unsere Türmerin, wenn sie mal krank ist? Wer passt dann auf die Stadt auf?

Ich habe das große unverschämte Glück, nur Luftlinie 400m von der Kirche entfernt zu wohnen, da ich kein Auto habe, ist das optimal! Zum Öffentlichen Dienst gehört auch, dass ein Stellvertreter da sein muss. Mein Vertreter ist der wichtigste Mann im Hintergrund, wenn ich mal krank bin oder im Urlaub, dann übernimmt er das Horn und wacht über die Stadt. Er hat schon früher meinen Vorgänger vertreten, deshalb weiß er genau, was zu tun ist.

Was machst du, wenn du nicht gerade auf dem Turm bist?

Nach und nach lerne ich auf meinen Fahrradtouren das Münsterland kennen. Meine bisher schönste Tour ging nach Senden; ich finde es toll, dass das Schloss dort wieder hübsch und nutzbar gemacht wird. Auf der Besichtigungsliste steht jetzt als nächstes: Telgte.

Telgte ist wirklich sehenswert!

Besonders gerne schaue ich mir Kirchen und alte Gebäude an. Und wenn es irgendwo einen Turm gibt, lasse ich nichts unversucht, da hinaufzukommen – super war in der Hinsicht Billerbeck; der Küster hat mir und meinem Nachbarn sogar gezeigt, wie man mit Händen und einem Fuß (!) die Glocken läutet, das nennt sich „beiern“. So was liebe ich!

2016-05-01 Dom, Überwasser, AbendsonneDiese Erlebnisse teilt man sehr gern, oder? Wen nimmst du am liebsten mit auf deinen Erkundungstouren?

Wenn es passt, ist mein Freund mit von der Partie, wir teilen die Liebe zur
frischen Luft und feiern jeden einzelnen Sonnenstrahl, und gemeinsam entdecken
wir Münster und das Umland immer wieder neu und lernen dabei meistens sehr
interessante Menschen kennen.

Hier kann man wirklich viel schöne Zeit verbringen. Wie gefallen dir die Münsteraner denn wirklich?

Ich habe hier schon so viele tolle Leute kennengelernt, die mir ihre Stadt – jetzt auch MEINE Stadt – gezeigt haben, es sind wunderbare Freundschaften entstanden, so dass ich dem angeblich so spießigen und sturen Westfalen irgendwie noch nicht begegnet bin – vielleicht ein reiner, längst ausgestorbener Mythos? 🙂

So gesellig und weltoffen wie ich unsere Türmerin hier erlebe, frage ich mich gerade ob so eine quirlige Frau überhaupt Me-Time braucht?!

Me-Time (ein schönes Wort übrigens!) brauche ich auf jeden Fall auch, nach all den Eindrücken, Interviews und Informationen… Am liebsten verkrieche ich mich dann mit Buch und Zeitungen an einen ruhigen Ort, der manchmal öffentlich ist, manchmal aber auch einfach zuhause, mit schnurrender Katze und schmissigem Streifenhörnchen… Auch habe ich einen Kino-Spleen, fürchterliche blutrünstige oder freakige Independentfilme zu unmöglicher Zeit sind im Urlaub ein Muss (und es ist total egal, wenn außer mir keiner diese Filme schauen möchte, dann hab ich eben das Kino wirklich für mich alleine!).

Liebe Martje, Independentfilme im Cinema liebe ich auch sehr! Allerdings lieber die freakigen als die blutigen. Man sieht sich sicher mal, aber bis dahin danke ich dir herzlich für dieses spannende Interview!

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